Die Spinnerin – Johann Heinrich Voß

gesprochen von Juliane Fechner

Die Spinnerin – Gedicht von Johann Heinrich Voß (1751-1826)

Ich saß und spann vor meiner Tür;
Da kam ein junger Mann gegangen.
Sein braunes Auge lachte mir,
Und röter glühten seine Wangen.
Ich sah vom Rocken auf und sann,
Und saß verschämt, und spann und spann.

Gar freundlich bot er guten Tag
Und trat mit holder Scheu mir näher.
Mir ward so angst; der Faden brach;
Das Herz im Busen schlug mir höher.
Betroffen knüpft‘ ich wieder an
Und saß verschämt, und spann und spann.

Liebkosend drückt‘ er mir die Hand,
Und schwur, daß keine Hand ihr gleiche,
Die schönste nicht im ganzen Land‘,
An Schwanenweis‘ und Ründ‘ und Weiche.
Wie sehr dies Lob mein Herz gewann;
Ich saß verschämt, und spann und spann.

Auf meinen Stuhl er lehnt‘ den Arm
Und rühmte sehr das feine Fädchen,
Sein naher Mund, so rot und warm,
Wie zärtlich haucht‘ er: Süßes Mädchen!
Wie blickte mich sein Auge an!
Ich saß verschämt, und spann und spann.

Indes an meiner Wange her
Sein schönes Angesicht sich bückte,
Begegnet‘ ihm von ohngefähr
Mein Haupt, das sanft im Spinnen nickte;
Da küßte mich der schöne Mann.
Ich saß verschämt, und spann und spann.

Mit großem Ernst verwies ichs ihm;
Doch ward er kühner stets und freier,
Umarmte mich mit Ungestüm,
Und küßte mich so rot wie Feuer.
O sagt mir, Schwestern, sagt mir an:
Wars möglich, daß ich weiter spann?